Martin mit Kaffeebauern in Äthiopien
#Projekte

„Zahlen wir wirklich faire Preise?“ Wir sind auf dem Weg, das herauszufinden.

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Ich war Anfang des Monats in Agaro, West-Äthiopien, und habe Interviews mit Kaffeefarmern geführt. Wir möchten herausfinden, welchen Beitrag die Preise leisten, die wir für unseren Rohkaffee an die Farmer und Kooperativen bezahlen. Dafür müssen wir herausfinden, wie hoch die Produktionskosten des Kaffees für die Farmer sind. Nur so können wir sicher gehen, dass wir mit unserem Kaffeeeinkauf die lebensverändernde Einkommensquelle sind, die wir zu sein hoffen.

Was ist ein so genanntes “Living income”? Es ist das Einkommen, welches uns die einfachsten Dinge finanziert, die wir zum Überleben benötigen. Dazu gehört eine Art Dach über dem Kopf, Essen, etwas Licht, Geld um unsere Kinder zur Schule schicken zu können. Ein sehr komplexes Thema.

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Wir wissen, wie in Äthiopien die Verkaufspreise sich auf die Kooperativen und die Farmer verteilen und wie viel damit jeder Farmer theoretisch verdient pro kg Kaffeekirsche, die er/sie an die Kooperative geliefert hat. Jetzt wollen wir herausfinden, ob das genug ist, wobei wir auch andere Einkommensquellen betrachten, die letztendlich dazu beitragen, dass die Farmer ihr notwendiges “Living Income” verdienen. Wir wissen ebenfalls um die Herausforderungen, die das Kooperativen-System hat, in Bezug auf gutes Leadership der Kooperative, sowie gute oder auch schlechte Machenschaften der Unions. Die Coffee Unions sind eine Art Dachorganisation, die den Kaffee für den Export vorbereiten, ihn international vermarkten und die den Kooperativen zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Auf diesem Teil haben wir uns im Rahmen unserer Interviews nicht fokussiert.

Ich wurde von Sara Morrocchi von Vuna Consulting aus Amsterdam unterstützt, eine sehr erfahrene Beraterin in der Kaffeeindustrie. Sara hat viel Erfahrung in verschiedenen Kaffee-Ursprungsländern, in der Ausbildung von Kleinbauern-Kooperativen mit dem Ziel, deren Lebenssituation zu verbessern. Zudem wurden wir von unseren langjährigen Partnern Meded und Moata von CoQua Consulting unterstützt, die auch unser Programm in West-Äthiopien koordinieren, in dem wir mit aktuell 15 Kooperativen und ca. 10.000 Farmern arbeiten.

Meeting

Insgesamt haben wir 27 Interviews geführt, jedes zwischen 45-60 min. Jetzt müssen wir die Daten erst einmal konsolidieren und auf Plausibilität prüfen. Sind sie valide, können wir die Interviews in den kommenden Wochen ausweiten. Sobald wir damit durch sind, werden wir die Ergebnisse aufbereiten und veröffentlichen. Bis dahin möchte ich schon eine kurze Vorschau wagen. Im folgenden findet ihr ein paar Fragen inkl. beispielhafter Antworten, die eine grobe Idee geben, was wir versuchen herauszufinden und wie wir versuchen die aktuelle Situation der Farmer zu verstehen. Ich bin besonders dankbar, dass die Farmer von Dalecho und Sediloya so offen mit uns waren.

Auslöser für dieses Projekt war die alarmierende Entwicklung des Weltmarktpreises für Kaffee, der im September das erste Mal seit über 10 Jahren unter die Marke von 1 USD/lb (Pfund) gefallen ist. Wir haben uns gefragt: „Zahlen wir wirklich faire Preise?“

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Ein Auszug aus dem Interview

  1. Wie viele Menschen leben unter deinem Dach und hängen am Haushaltseinkommen?
    9 Leute. Ich habe 8 Kinder, zwei Frauen und meine Mutter lebt hier. Aber zwei meiner Töchter sind verheiratet und leben nicht mehr hier. Deshalb 9 Leute.
  2. Wie viele Familienmitglieder tragen zum Haushaltseinkommen bei? Nur ich.
    Auch während der Erntezeit? Dann helfen zwei meiner Söhne aus, einen halben Tag jeweils nach der Schule. Die Ernte dauert drei Monate, in der Zeit 5 Tage die Woche. Und meine Frau hilft auch, während der Ernte den ganzen Tag.
    Sammelt sie während der Zeit auch Holz und holt Wasser? Ja.
    Wie lange braucht sie dafür? Ungefähr 4 Stunden am Tag.
    Ok, dann hilft sie während der Ernte auch maximal einen halben Tag aus? Ja, doch eher einen halben Tag.
    Dann arbeitest du Vollzeit, deine zwei Söhne und deine Frau jeweils halbtags? Ja, korrekt, es sind 2,5 Leute, die während der Erntezeit zum Einkommen beitragen.
  3. Wie hoch sind die Ausgaben für Essen pro Monat für deinen Haushalt? Für Teff, Mais, Gewürze, Salz, Zucker, Öl zum kochen… ca. 2.400 Birr (ca. 70 EUR).
  4. Welche weiteren Kosten fallen an? Mobiltelefon 150 Birr (5 EUR pro Monat), Transportkosten 240 Birr (7,40 EUR pro Monat), Schulgebühren 50 Birr (1,50 EUR pro Monat – ein Sohn geht aufs College, das kostet das 500 Birr pro Jahr), Elektrizität (Solar) 20 Birr (0,60 EUR pro Monat), um die Batterie zu ersetzen.
  5. Was baust du außer Kaffee noch an? Avocado, Teff, Mais, False Banana (Zierbananen), alles für den Eigenkonsum. Nur manchmal verkaufe ich ein paar kg Avocados, dafür bekomme ich 5 Birr pro kg (=0,16 EUR), was dann ca. 9 EUR pro Jahr sind. Ich habe auch eine Kuh, aber sie gibt noch keine Milch. Und ich habe 4 Hühner, aber es ist die lokale Gattung, deshalb legen sie nur 5 Eier im Monat.
  6. Wie viel Kaffee produzierst du und was verdienst du damit? Letztes Jahr habe ich 600 kg Kaffeekirschen geerntet (= 100 kg Rohkaffee). Davon habe ich 300 kg an einen privaten “Collector” verkauft zu 12 Birr pro kg (=0,37 EUR). Die anderen 300 kg habe ich an die Kooperative verkauft, für 10 Birr pro kg (0,31 EUR). (Notiz: Wenn Farmer an ihre Kooperative verkaufen, können sie eine zusätzliche Bezahlung später im Jahr erwarten.)
    Hast Du auch sonnengetrockenen Kaffee produziert? Ja, ca. 180 kg.
    Und hast du ihn verkauft? Nein, den behalte ich, den spare ich.
    Was ist der Preis von sonnengetrocknetem Kaffee auf dem lokalen Markt? Ich erhalte 25 Birr pro kg (Notiz: 1 kg frisch geerntete Kirschen = 0,3 kg sonnengetrockneter Kaffee)

Das war nur ein kurzer Einblick, wie die Interviews abliefen. Jetzt müssen wir aber erst einmal unsere Hausaufgaben machen. Wir werden die Daten konsolidieren, validieren und dann erste Analysen starten. Wir hoffen, die Ergebnisse zur World of Coffee Berlin im Juni präsentieren zu können. Natürlich werden wir sie online veröffentlichen.

Ich bin gespannt, welche Rolle Kaffee im Haushaltseinkommen der Kaffeefarmer spielt und wie letztendlich die Kostenstruktur eines Farmerhaushalts in der Region aussieht. Kaffee ist für die meisten Farmer die einzige so genannte “Cash Crop”, d. h. Ernte, mit der sie Geld verdienen können. Doch bei allem, was ich letzte Woche gesehen habe, bin ich mir nicht sicher, ob das ausreicht. Es ist offensichtlich, dass die Familien, sehr nah am Existenzminimum leben, an der sogenannten absoluten Armutsgrenze, und zum Teil weniger als 2 USD am Tag verdienen – trotz der Preise, die wir ihnen bisher bezahlen.

Kaffeekirschen in den Körben

☝🏼 Dieses Projekt ist Teil unseres großen Value Chain Projekts, welches du mit deinem Kaffeekauf unterstützen kannst. Wähle dazu im Warenkorb das Projekt „Ausbildung und Qualitätstraining für 10.000 Kaffeefarmer in Äthiopien“ aus.

Bis 2020 begleiten wir 15 Kooperativen über drei Erntezyklen. 10.000 Kaffeefarmer und deren Familien werden im Kaffeeanbau und der Qualitätsverbesserung gefördert, um einen höheren Preis für ihren Kaffee und damit auch ein höheres Einkommen zu erzielen.

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Dieses Projekt kannst du mit deinem Kaffeekauf unterstützen

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